Nürnberg - Von einer Fallstudie zu einem Panorama des deutschen Mittelstands: Packend berichtet die Autorin in „Die Aufsteiger“ davon, wieso und mit welchen Konsequenzen ein deutscher Familienunternehmer das NS-Regime unterstützte.

Wer Christina Strunck kennt, der vermag sich bei dem Titel ihrer aktuellen Publikation womöglich wundern. Ist die Leiterin des Instituts für Kunstgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität doch für ihre Forschungen zur europäischen Kunst zwischen 1500 und 1800 bekannt. Nun hat sich die Professorin jedoch tief in die eigene Familienbiografie hineinbegeben. In „Die Aufsteiger. Deutscher Mittelstand unter Hitler“ nimmt sie ihre Leserinnen und Leser mit auf die Suche nach Verstrickungen und Verbrechen ihrer Vorfahren im NS-Regime. Eine Suche, die sich über Jahre erstreckte und die Frage nach Schuld aufrollt. Das Ergebnis: Zahlreiche neue Erkenntnisse, nicht nur über die Taten eines Fabrikanten und die Verwicklungen seiner zutiefst nationalsozialistisch geprägten Familie im „Dritten Reich“, sondern auch eine exemplarische Darstellung einer deutschen Kleinstadt und ihrer Bewohner ab 1933 bis hin zu den Entnazifizierungsprozessen.

In SS-Uniform? Ein verschwundenes Foto von Opa Arthur

Es ist das Jahr 1907, als der Urgroßvater der Autorin, Johann Strunck, seine eigene Fabrik in Sprendlingen, Rheinhessen, gründet. Schon bald eine florierende Zementwarenfabrik. Über die Jahre kommen weitere Firmen, wie ein Weinhandel, hinzu. Johann Strunck, der sich selbst Jean nannte, ist ein Selfmademan in der Provinz, der es in der Industriewelt weit bringen will. Und die NS-Diktatur wird ihm und seinen von den Wirtschaftskrisen gebeutelten Unternehmen eine Gelegenheit geben, die er nutzt. Dass „die Strunckwerke“ unter dem NS-Staat profitierten, war Christina Strunck schon lange klar, doch erst als sie Spruchkammerakten von Großvater Arthur Strunck und dessen Vater Jean in den Händen hält, bekommt sie einen Eindruck, wie tief das Verbrechen und die Schuld in ihrer Familienbiografie sitzt.

Im Hier und Jetzt beginnen ihre Recherchen genau dort - bei der Familie, in der zunächst Uneinigkeit darüber herrscht, ob Großvater Arthur tatsächlich Mitglied bei der SS war. „Bestimmt irrst du dich“, bekommt sie von ihrem Vater und ihrer Tante 2019 zu hören. Doch Christina Strunck erinnert sich an ihre eigene Studienzeit, an ein Foto im Schrank ihrer Oma - dort lag es zusammen mit einigen Kriegsandenken. Es zeigte Opa Arthur in Uniform - mit Totenköpfen. Doch irgendwann war die Tüte samt Foto „aufgeräumt“, verschwunden.

Christina Strunck hangelt sich an ihren eigenen Erinnerungen sowie an den familiären Aufzeichnungen, Fotoalben, Korrespondenzen, Gesprächen und behördlich hinterlegten Dokumenten entlang, arbeitet die Biografien der Familie Strunck - von Vater Johann und die der Kinder Hans, Käthi, Arthur, Erika und Herbert - heraus. Und schon am Anfang ihrer Forschungen kann sie feststellen: Keiner von ihnen ein Mitläufer, sondern überzeugte Nazis seit der ersten Stunde.

Der Wechsel aus eigenen Tagebucheinträgen und nüchternen Quellen lässt die Forschungsreise greifbar, emotional und erschütternd werden. Auf dieser kann sie detailliert nachzeichnen, dass der Familienbetrieb Wein für KZ-Wachpersonal lieferte, Zwangsarbeitende auf dem Fabrikgelände unter prekären Umständen unterbrachte, auf Käthis Hochzeit zwei spätere Massenmörder tanzten und sie geht der bohrenden Frage nach, wo ihr Großvater in den letzten Kriegsjahren eingesetzt war...

Dabei trägt die Autorin gewissenhaft recherchierte Vorgänge wie den Novemberprogrom und damit verbundene jüdische Schicksale in Sprendlingen akribisch zusammen. Es ist nicht zuletzt die Geschichte eines deutschen Ortes und seiner Akteurinnen und Akteure, die beispielhaft ist für die lange fehlende Aufarbeitung von Schuld und Unrecht in den Nachkriegsjahren.

Akteneinträge, zahlreiche Fotos und aufgeschriebene Erinnerungen skizzieren den brutalen deutschen Alltag zur Zeit des NS. Und auch in dieser Publikation wird wieder einmal klar: Der schnelle Aufstieg und Erfolg war unter dem Nationalsozialismus für die Struncks möglich, doch der schnelle Fall war ihnen ebenso gewiss. Die Strunckwerke existieren schon lange nicht mehr, die Geschwister waren untereinander zerstritten. In einem der letzten Kapitel erzählt Christina Strunck die traurige Geschichte ihrer Großtante Erika, die ihr Leben in der Psychiatrie verbrachte. Der Patriarch ließ seine Tochter bis zuletzt nicht wieder nach Hause zurückkehren.

Christina Strunck (C) Foto Rimbach_001
Christina Strunck ist 1970 in München geboren. Die Kunsthistorikern ist Expertin für Architektur und Bildkünste der Frühen Neuzeit (1500–1800). Seit 2015 leitet sie das Institut für Kunstgeschichte an der FAU. © Rimbach

Christina Struncks Publikation „Die Aufsteiger“ erscheint in einer Zeit, in der uns die Verletzlichkeit der Demokratie wieder schmerzlich bewusst wird. Das Buch ist persönlich, ungeschönt, aufwendig, aber vor allem eines: notwendig. Es lässt erahnen, wie viele weiße Flecken es noch auf der Landkarte des Verbrechens gerade in Bezug auf den deutschen Mittelstand gibt. Die Autorin gibt deshalb ein positives Beispiel für mittelständische Unternehmerfamilien ab, die noch zu oft die Rolle ihrer Vorfahren im Nationalsozialismus unerforscht lassen.

„Die Aufsteiger. Deutscher Mittelstand unter Hitler: Eine Familiengeschichte“
von Christina Strunck

  • 432 Seiten
  • Rowohlt
  • ISBN: 978-3498007836
  • 28 Euro