Nürnberg - Mieko Kawakami zählt zu den literarisch einflussreichsten Stimmen des heutigen Japans. Mit ihrem feministischen Gesellschaftsroman „Brüste und Eier“ schaffte sie ihren internationalen Durchbruch.

Seitdem wurden auch frühere Romane von Mieko Kawakami in verschiedene Sprachen übersetzt und fanden internationale Anerkennung. 2023 veröffentlichte sie in Japan ihren bis jetzt neuesten Roman, 2025 fand er nach Deutschland.

Kritiken zufolge hat Mieko Kawakami es geschafft, mit „Das gelbe Haus“ ihr literarisches Spektrum zu erweitern und zeigt eine deutliche stilistische Weiterentwicklung. Aber worum geht es in „Das gelbe Haus“ eigentlich?

„Das gelbe Haus“ von Mieko Kawakami

Im Zentrum der Geschichte steht Hana. Sie wächst unter schwierigen Bedingungen am Ende des 20. Jahrhunderts am Rand von Tokio auf. Ihren Vater bekommt sie kaum zu Gesicht, ihre Mutter kann ihr weder Halt noch Struktur geben. Als plötzlich Kimiko auftaucht, ändert sich ihr Leben drastisch, plötzlich fühlt sie sich umsorgt. Kimiko ist in etwa in dem gleichen Alter wie ihre Mutter. Die Stärke, die sie ausstrahlt, beeindruckt Hana zutiefst. Doch so plötzlich, wie sie aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder.

Hana träumt von einem besseren Leben für sich und ihre Mutter. Aber gerade, als sich die beiden überworfen haben, trifft Hana plötzlich wieder auf Kimiko und schließt sich ihr an.

Es bildet sich eine Gemeinschaft von vier Frauen, die sich gegenseitig unterstützen, miteinander und füreinander arbeiten. Hana und Kimiko eröffnen eine Bar, die zunächst gut läuft. Hier trifft Hana auf die etwa gleichaltrige Ran und die etwas jüngere Momoko. Obwohl Hana erst 17 ist, schmeißt sie im Grunde den Großteil der Organisation der Bar. Das Geschäft läuft gut, doch ein Brand macht die Träume von einer besseren Zukunft zunichte.

Ohne Bar stehen die vier Frauen, beziehungsweise Mädchen, ohne Einkommensquelle da. Ohne offizielle Papiere wird es schwer, genug Geld zu verdienen. Zumindest auf legalem Weg.

Das Scheitern der Wohngemeinschaft scheint vorprogrammiert. Am Rande der Gesellschaft ist nicht viel Platz, die Stärke, die Hana in Kimiko sah, scheint völlig verflogen. Doch der Super-GAU, der das Ende dieser selbstgewählten Gemeinschaft markiert, kommt dennoch völlig überraschend.

„Das gelbe Haus“

von Mieko Kawakami

  • übersetzt von Katja Busson
  • 528 Seiten
  • DuMont
  • ISBN: 978-3-8321-6834-6
  • 26 Euro

„Das gelbe Haus“: Das düstere Porträt einer Gesellschaft

„Das gelbe Haus“ ist ein Roman zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Wir fiebern mit Hana, die, unterstützt von der Farbe Gelb, die im Feng Shui unter anderem für Erfolg und Stabilität steht, den Weg aus der Perspektivlosigkeit zu finden versucht. Selbst am Rande der Gesellschaft ist sie eine Außenseiterin. Schnell muss sie feststellen, dass harte Arbeit alleine nicht ausreicht, um diesen Weg zu gehen.

Mieko Kawakami zeichnet das düstere Bild einer Gesellschaft, in der jeder nur an sich selbst denkt. Hana versucht nicht nur, ein erfolgreiches Leben zu führen. Ihre Versuche, andere mitzuziehen und sie nicht zurückzulassen, führen aber letztendlich zu ihrem Scheitern. Wir begleiten sie auf ihrem aufreibenden Weg - und fühlen mit ihr. Kawakami schafft es wie kaum eine zweite, die inneren Konflikte unserer Protagonistin intensiv darzustellen.

Am Ende lässt sie uns mit einem Gefühl zurück, das sich schwer beschreiben lässt, denn die Geschichte hat sich so anders entwickelt, als anfangs und zwischenzeitlich vermutet. Nervenaufreibend, düster, einfühlsam, roh, kritisch, tragisch und am Ende auch irgendwie ernüchternd. „Das gelbe Haus“ ist ein intensiver Roman, der seinen Status als gewichtiger Beitrag zur zeitgenössischen Literatur absolut verdient hat.