Nürnberg - Unter dem Motto „Dry January“ verzichten Menschen einen Monat lang auf Alkohol. Dabei kann das Gefühl aufkommen, sich für diese Entscheidung rechtfertigen zu müssen. Doch das muss nicht sein, kommentiert Carolin Heilig.

Eine Kneipe an einem Abend Anfang Januar irgendwo in Franken: Fünf Erwachsene sitzen um einen Holztisch. Ein Kellner kommt und nimmt die Bestellung auf. Vier der Anwesenden bestellen sich ein Bier. In den allermeisten Fällen würde ich nun sagen: „Für mich auch ein Helles.“ An diesem Abend aber sage ich: „Ein Spezi, bitte.“ Dann halte ich kurz die Luft an und nehme innerlich Anlauf, um mich zu erklären. Wie die anderen wohl reagieren werden?

Es ist wissenschaftlich belegt, dass Alkohol unserem Körper und unserer Gesundheit nicht zuträglich ist, selbst in kleinen Mengen. Bereits ein zeitweiser Verzicht kann positive Auswirkungen haben, sagen Experten. Und deswegen habe ich mich dazu entschieden, im ersten Monat des neuen Jahres keinen Alkohol zu trinken. Unter dem Motto „Dry January“, also trockener Januar, ist dieser Verzicht bereits seit Jahren verbreitet. Ich möchte meinem Körper etwas Gutes tun – und habe gleichzeitig das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen.

Das Feierabendbier oder das Glas Wein zum Essen – das gehört, so der vielfach verbreitete Eindruck, einfach dazu. Mitunter wird es sogar als Ausdruck von Geselligkeit verstanden, mit Bier, Wein oder Sekt anzustoßen. Wer dagegen beim Leitungswasser bleibt, riskiert einen schiefen Blick. Bei jungen Frauen steht beim Alkoholverzicht schnell eine Vermutung im Raum: Ist Nachwuchs unterwegs? Keine Frage, die man gerne ausdiskutiert.

Diese Bilder sitzen tief. Schon bevor ich an dem eingangs erwähnten Abend die Kneipe betrete, frage ich mich deshalb, welche Reaktion ich von meinen Begleitern ernten werde, wenn ich statt Bier Spezi bestelle.

„Dry January“: Einen Monat ohne Alkohol – da gibt es nichts zu rechtfertigen

Doch dann passiert: nichts. Niemand stellt eine Frage, niemand schaut prüfend. Das ist die positive Erkenntnis in diesem ersten Monat des neuen Jahres: Im Idealfall gibt es überhaupt keinen Anlass zur Rechtfertigung. Das mag nicht in jeder sozialen Gruppe so reibungslos funktionieren, aber gerade in der jüngeren Generation steigt offenbar das Bewusstsein für die eigene Gesundheit und für die Grenzen dafür, was man andere fragen darf – und was nicht.

Ganz konkret ist der Stellenwert alkoholischer Getränke in den vergangenen Jahren gesunken, während das Angebot an alkoholfreien Drinks steigt und sich größter Beliebtheit erfreut. Auch in Bayern haben das zahlreiche Brauereien längst erkannt. Der Verzicht auf Alkohol ist nichts Besonderes mehr, ist nicht mehr uncool, ist vielmehr Ausdruck einer bewussteren Lebensweise.

Und zuletzt zeigen die ausbleibenden Reaktionen eben auch, dass insbesondere die junge Generation verinnerlicht hat, anderen nicht in Entscheidungen hereinzureden. Sein und sein lassen, das würde nicht nur bei der Getränkebestellung, sondern auch in vielen anderen Konstellationen guttun. Womöglich ist das einer der sinnvollsten Neujahrsvorsätze – egal, ob in der Kneipe Bier oder Spezi auf dem Tisch steht.