
Food-Content in den sozialen Medien und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sind inzwischen nahezu untrennbar miteinander verbunden. Unter dem Hashtag #söderisst postet der Politiker seine Mahlzeiten, darunter zuletzt Saumagen mit Sauerkraut, Blutwurst oder Leberkäse mit Spiegeleiern und Kartoffelsalat. Doch nun bekommt Söder offenbar Konkurrenz in seiner Rolle als bekanntester politischer Food-Influencer - und zwar von niemand geringerem als Außenminister Johann Wadephul (CDU).
Der postete bei TikTok kürzlich ein Video von sich aus einem Flugzeug. Der Minister trägt ein blütenweißes Hemd. Vorne in den Kragen hat er eine ebenso weiße Serviette gesteckt. Vor ihm auf dem Tisch steht eine silbernen Alu-Assiette. Das Video entstand im Rahmen einer Türkeireise Wadephuls. Sein Team hatte die Community gefragt, welches türkische Gericht der Minister unbedingt probieren müsse. Die Community empfahl mehrheitlich Adana Kebab. Und eben diesen Kebab probiert Wadephul nun in seinem Video bei TikTok. Sein Urteil: „wirklich gut“.
Das Video läuft in der Rubrik „Wadefood - Snack Corner“. Im Sommer hatte der Außenminister bereits japanische Gummibärchen und ein KitKat mit Matcha-Geschmack getestet.
Bei den Usern scheint es anzukommen. Unter den TikTok-Kommentaren finden sich Beiträge, wie dieser: „Schön zu sehen, dass die Regierung auch mal versucht, die jungen Leute zu erreichen.“ Ein anderer User schreibt: „Bester Außenminister. Hör nicht mit diesem Format auf.“ Die Essensvideos sind unter den am häufigsten abgespielten auf Wadephuls Kanal. Bei TikTok folgen dem Außenminister knapp 124.000 Menschen. Bei Instagram sind es nochmal 215.000.
Immer wieder wurde davor gewarnt, man dürfe die sozialen Netzwerke nicht allein der AfD überlassen. Deren Abgeordnete zeigten sich sonst länger ziemlich umtriebig auf genau den Plattformen, die junge Menschen oft als primäre politische Informationsquelle nutzen. Die Reichweite der Partei, die vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall für eine rechtsextreme Partei geführt wird, ist groß. Der Channel der AfD-Bundestagsfraktion bei TikTok hat 678.000 Follower. Zum Vergleich: Die SPD-Fraktion kommt auf 177.000 Follower und die Unionsfraktion auf 32.000.
@aussenpolitik Antwort auf @David Matei ♬ Originalton - Außenminister und Team
Inzwischen ziehen immer mehr Politiker in den sozialen Medien nach. Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) versuchte es noch recht steif mit einem Blick in seine Aktentasche. Sein Nachfolger Friedrich Merz (CDU) zeigt sich bei Instagram beispielsweise beim Besuch in einer Kita in Potsdam. Ein blonder Junge nimmt den Kanzler an die Hand und führt in zu einem Turm, den die Kinder offenbar gebaut haben. Man sieht den Bundeskanzler lachen, umgeben von der Kinderschar. Er wirkt fast ein bisschen, wie ein netter Großvater, der zu Besuch ist. Nur der Anzug und die Krawatte wollen zu diesem Eindruck nicht recht passen.
Bei TikTok findet sich ein anderes Video aus der Potsdamer Kita. Darin fachsimpelt Merz mit einem anderen kleinen Jungen über Fußball. Der Junge ist offenbar Fan von Borussia Dortmund, trägt ein Trikot und einen Schal. Es ist auch Merz‘ Herzensverein. Der Bundeskanzler legt dem Jungen den Arm um die Schulter. Nahezu Kult-Status hat auch das Video von Merz, indem er seine Frisur erklärt.
Experten zur Social-Media-Präsenz von Politikern: „So viel TikTok wie im Herbst 2025 war noch nie“
Natürlich zeigen sowohl Merz als auch Wadephul vor allem Ausschnitte aus ihrer politischen Arbeit in den Social-Media-Clips. Die Bundesregierung hat die Pflicht, die Öffentlichkeit zu informieren. Und wenn Menschen ihre Informationen verstärkt aus den sozialen Medien beziehen, erscheint es nur folgerichtig, dass Politiker und Politikerinnen auch über diese Plattformen kommunizieren.
Martin Fuchs ist Politikerberater und Medienwissenschaftler. Er wertete zuletzt die TikTok-Aktivitäten aller Bundestagsabgeordneten aus. Gegenüber tageschau.de sagt er: „So viel TikTok wie im Herbst 2025 war noch nie im Deutschen Bundestag und damit in der Bundespolitik.“ TikTok sei einer der wichtigsten Kanäle für die politische Kommunikation geworden. Fuchs‘ Auswertung zufolge hätten 423 Abgeordnete einen Account bei TikTok, 77 Prozent davon bespielten diesen auch aktiv. Besonders gut vertreten seien die Linken und die Abgeordneten der AfD. Fuchs sieht die politische Kommunikation in den sozialen Medien als Chance und Risiko zugleich. Die Entwicklung könne einerseits demokratiefördernd wirken, aber durch Polarisierung und Zuspitzung andererseits auch problematisch werden.
Ein Knackpunkt dabei sind die Algorithmen der Plattformen. Über deren Funktionsweise ist nur wenig bekannt. Die Plattformbetreiber halten sich bedeckt. Offenbar aber werden emotionale und zugespitzte Videos bevorzugt ausgespielt. Mit gehaltvollen oder inhaltlich komplexen Videos zu den Nutzern durchzudringen, kann hingegen schwer sein.
Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung und der Universität Potsdam kommt darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass die Algorithmen die Videos von Parteien an den Rändern häufiger ausspielen, als die Videos von Parteien der Mitte. Das heißt, selbst wenn Parteien der Mitte häufiger posten, landen sie seltener in den Feeds. Videos von SPD und Union versanden dementsprechend häufiger, während die von AfD und der Linken öfter auf den Bildschirmen landen.
Grundlage der Untersuchung sind die Social-Media-Feeds junger Menschen bei TikTok, YouTube, Instagram und X anlässlich der Bundestagswahl 2025. Eine zentrale Erkenntnis der Studie: „Auf allen vier Plattformen ist die AfD mit Abstand am stärksten mit politischen Inhalten in den Social-Media-Feeds junger Menschen vertreten.“
Politische Food-Influencer: Auch Nürnbergs Oberbürgermeister Markus König hat den Trend erkannt
Eine weitere Studie vom September 2025, die unter anderem von der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt wurde, zeigt, dass Videos von Politikern und Politikerinnen ohne politischen Bezug eine höhere Reichweite bei den Usern haben. Das dürfte zumindest in Teilen den Erfolg von Wadephuls Food-Content erklären. Es bleibt zu hoffen, dass diese eher unterhaltsamen Videos die Rampe zu ernsten, politischen Inhalten bilden.
Der Trend zu unpolitischen Videos ist derweil auch bei Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König angekommen. Der CSU-Politiker zeigt sich ebenfalls umtriebig in den sozialen Medien. So postet er auf Instagram ein Foto von der Date Night mit seiner Frau im Kino oder - in bester Söder Manier - Videos und Fotos aus seiner Rubrik „König kocht“. In Sachen Food-Content bekommt der bayerische Ministerpräsident inzwischen Konkurrenz von allen Seiten.
