Nürnberg - In seinem neuen Erzählband widmet sich Ferdinand von Schirach seinem Lieblingsthema: dem Menschen. Eine Sammlung an Geschichten über erstaunliche Figuren.

Ein hochintelligenter Farmer, ein gescheiterter Psychotherapeut und ein musikalisches Genie - Das ist nur eine kleine Auswahl der faszinierenden Menschen, denen Ferdinand von Schirach in seinem neuen Buch begegnet. In gewohnter Manier ist auch „Der stille Freund“ eine Sammlung von Kurzgeschichten, die in ihrer Handlung nicht zusammenhängen. Was sie vereint, sind die erstaunlichen Charaktere, die von Schirach beschreibt, und die interessanten Episoden ihres Lebens, an denen er uns teilhaben lässt.

„Der stille Freund“ - Faszinierende Figuren

Blicken wir exemplarisch auf eine kleine Auswahl der Kurzgeschichten, die von Schirach erzählt.

Massimo, der hochintelligente Farmer

Für das Buch titelgebend ist das erste Kapitel. Darin geht es um Massimo, einen hochintelligenten Mann, den von Schirach schon in der Schulzeit kennenlernte (Sofern man den Ich-Erzähler der Geschichten als Ferdinand von Schirach selbst interpretieren darf. Darauf gibt das Buch einige Hinweise.).

Massimo wuchs bei sehr religiösen Eltern und in einem Jesuiteninternat auf. Er selbst kann mit Religion nichts anfangen. Massimo liest schon als Kind die Bibel. Für ihn sind das interessante und auch teilweise intelligente Geschichten, doch dass die Christen sie nicht für Erzählungen oder „wundervolle Menschenheitsmärchen“ halten, sondern für Fakten, kommt ihm „albern“ vor.

Nachdem er sich auch mit anderen Schöpfungsmythen befasst, geht Massimo weiter zur Philosophie und schließlich zu den Naturwissenschaften. Doch auch wissenschaftliche Theorien wie die String-Theorie seien nur Mythen, denn sie seien nicht überprüfbar, „man könne sie glauben oder auch nicht. Es seien also ebenfalls Mythen, nur weitaus klügere.“

Doch dann erlebt Massimo seinen Moment der Erleuchtung. Mehr zufällig scheint ihm dieser Moment zu begegnen, den er später als seinen „stillen Freund“ bezeichnet, zu dem er immer wieder zurückkehren könne. Aber bevor Massimo die für ihn klar gewordenen Regeln niederschreiben kann, stirbt er bei einem Flugzeugunglück in der Nähe seiner Farm in Namibia. Der Moment seiner Erleuchtung scheint genauso zufällig über ihn gekommen zu sein, wie das Ende seines Lebens.

Dr. Lehmann, Psychotherapeut und Taxifahrer

Das Kapitel über Massimo verdeutlicht bereits, was in einigen der folgenden Geschichten noch wichtig sein wird: der Zufall. Zufällig wählen wir an dieser Stelle auch ein weiteres Kapitel als Beispiel aus, denn sie alle sind gleichermaßen lesenswert.

Dr. Lehmann ließ sein Leben ebenfalls von einem Zufall bestimmen. Auch wenn er selbst das nicht so sieht. Von Schirach begegnet ihm auf einer Taxifahrt, Dr. Lehmann holt ihn eines Tages am Berliner Flughafen ab. Die beiden kennen sich aus früherer Zeit, als Dr. Lehmann noch seine Praxis für Psychotherapie in der Nähe der Kanzlei hatte, in der von Schirach arbeitete. Dr. Lehmann hatte seinen früheren Beruf an den Nagel gehängt, denn nach eigener Ansicht war er ein schlechter Psychotherapeut gewesen.

Ausschlaggebend war ein Patient, in dessen Leben eigentlich alles passte. Geschäftsführer eines Unternehmens, verheiratet, mit drei Kindern, er hatte keine ungewöhnlichen Probleme. Ein absoluter Durchschnittsmensch, mit der einzigen Besonderheit, dass er seine Frau abgrundtief gehasst hatte.

Sie hatte ihm immer wieder ihre Überlegenheit deutlich gemacht. Schließlich gab es den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Sitzungen mit diesem Patienten bestanden im Grunde nur daraus, dass er sich über seine Frau ausließ. Doch diesmal war etwas anders, denn er schilderte detailliert, wie er seine Frau ermorden wollte.

Alarmiert befragte Dr. Lehmann zunächst einen Kollegen und dann auch einen Anwalt, was er nun tun solle. Die Antworten waren einhellig: Zwar bestünde zwischen ihm und seinem Patienten die ärztliche Schweigepflicht, die gelte aber nicht mehr, wenn es begründete Sorge um ein schweres Verbrechen gibt. Und so verständigte Dr. Lehmann die Polizei.

Darauf ging alles sehr schnell. Die Beamten befragten den Patienten und unterrichteten auch seine Frau. Der Patient rief bei Dr. Lehmann an und erklärte, die Sitzungen wären nur ein Ventil für seine Aggressionen gewesen, niemals würde er Hand an seine Frau legen. Die völlig verängstigte Frau verabreichte ihm später am Abend eine volle Dosis Pfefferspray, woraufhin er die Treppe herunterstürzte und an seinen Verletzungen starb.

Dr. Lehmann machte sich selbst für den Tod seines Patienten verantwortlich, denn als guter Psychotherapeut hätte er in der Lage sein müssen, den Menschen, der vor ihm saß, richtig zu lesen. Im Grunde hatte er aber alles richtig gemacht. Doch der Zufall wollte, dass gerade dieser Patient die Ausnahme der Regel war.

„Der stille Freund“

von Ferdinand von Schirach

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