Nürnberg - Die Paviane sind tot, die Diskussion um ihre Tötung noch lange nicht. Proteste, Anzeigen und Morddrohungen gegen Dag Encke, Direktor des Tiergartens Nürnberg, folgten. In einem Exklusivinterview mit unserem Haus schildert Encke den Sachverhalt.

Selbst posthum erhitzen die zwölf getöteten Paviane aus dem Nürnberger Tiergarten weiter die Gemüter. Von Diskussionen rund um Protestaktionen auf der Straße oder auf dem Zoogelände bis hin zu ethischen Debatten in Talkrunden – das Thema kommt einfach nicht zur Ruhe. Tierschutzaktivisten fordern, dass keine weiteren Affen getötet werden dürfen. Zudem solle die Zucht eingestellt werden. Nach der Erschießung der Tiere hagelte es mehr als 300 Klagen.

In den Sozialen Medien sorgte die Verfütterung der Kadaver an die ebenfalls im Zoo gehaltenen Löwen für schrille Töne. Mit den jüngst gegen Tiergarten-Direktor Dag Encke ausgesprochenen Morddrohungen wurde eine neue Dimension erreicht. Am Donnerstag, 7. August, stellte sich Encke deshalb den Fragen von NN-Chefredakteur Michael Husarek und Audio-Redakteur Lukas G. Schlapp, um die Position des Tiergartens zu erklären und das Vorgehen einzuordnen.

„Tabubruch, den wir begehen.“

Bereits 2011 gab es laut Encke einen Vorfall, der die Tötung eines Tieres aus der Paviangruppe erforderte. Auch wurde einem Tier „in einem Kampf das Gesicht gespalten“, es musste in der Konsequenz eingeschläfert werden. Aufgrund der Entwicklung der Population wurde entschieden, dass es künftig eine Tierschutzkommission brauche, die das Programm begleitet, „damit wir entscheiden, wann wir verhüten, an wen wir die Tiere abgeben“ oder auch, wenn Tiere getötet werden müssen, so Encke. Diese Entscheidung sei im Fall der zwölf Paviane im Februar 2024 gefällt worden.

Auf die Frage, wie schwer den Verantwortlichen der Schritt gefallen sei, beteuert Encke: „Wir treffen solche Entscheidungen nicht gerne und nur im äußersten Notfall, den wir jetzt als gegeben angesehen haben und weil wir wussten, dass das ein Tabubruch ist, den wir begehen.“ Man habe mit dem entsprechenden gesellschaftlichen Echo in der Größenordnung gerechnet, auch deshalb träfe man solche Entscheidungen nie leichtfertig. Zum Vergleich: Die deutschlandweite, mediale Reichweite sei laut Husarek ähnlich groß wie beim Leck in der Delphinlagune oder die vor Jahren vorübergehend im Raum stehende Tötung des Löwen Subali.

Gab es keine Möglichkeit die Tiere abzugeben?

2016 konnte der Nürnberger Tiergarten noch elf Paviane an einen Zoo nach China abgeben. Diese Möglichkeit bestand laut Encke 2025 nicht, „weil es keine Plätze mehr gab, die bereit waren, die Tiere zu übernehmen. […] Wir haben nichts mehr gefunden, keinen einzigen Ort auf der Welt mehr.“ Es hätten sich zwar noch Zoos aus Österreich, Indien, Slovenien und Wales gemeldet, die schieden aus unterschiedlichen Gründen allerdings aus. Der letzte noch zur Debatte stehende walisische Interessent habe laut Encke indessen nie ein Angebot über die tatsächliche Zahl der Paviane gemacht, die angeblich abgenommen werden könnten. Man vermute hier eher mediale Aufmerksamkeit als Triebfeder.

Die Tötung sei ultima ratio gewesen. Weil es „ein schlechtes Leben ist auf so engem Raum mit so vielen Tieren“. Das werde häufig ausgeblendet, die Diskussion finde „virtuell“ statt. „Wir haben ne wahnsinnige Verantwortung den Tieren gegenüber. Auch denen, die unter der Gruppengröße leiden.“, betont Encke. „Wir haben alles so getan, wie wir glauben, dass es rechtschaffen ist.“

Auf die Frage, ob und wenn ja, wann es erneut dazu kommen könnte, dass Paviane im Nürnberger Zoo populationsbedingt „entnommen“ werden müssen, wie Encke es formuliert, antwortet der Tiergarten-Direktor: „Wir haben die Tiere immer auf der Abgabenliste, auch jetzt noch.“ Man könne jederzeit Guinea-Paviane abgeben. Sollte dies nicht möglich sein, werde in zwei bis drei Jahren die nächste Tötung notwendig. „Wir werden weiterhin Tiere töten müssen, wenn wir Arten erhalten wollen.“ Das sei seit 1998 so Usus, aber: „Es ist immer die letzte Aktion.“

„Schnellste und unerwartetste Methode.“

Nachdem die Stadt über die anstehende Tötung informiert worden sei, habe man einen minutiösen Auswahlprozess in Gang gesetzt. Es ging darum, eine „nicht willkürliche sondern eine vernünftige Entscheidung zu treffen“, ob das Tier in der Gruppe bleiben könne oder getötet werden müsse. Trächtige Tiere seien davon zum Beispiel ausgeschlossen gewesen. Dabei müssten alle Beteiligten extrem vorsichtig vorgehen. Ein männlicher Pavian ist laut Encke so gefährlich wie ein Tiger.

Die ausgewählten Tieren wurden im Vorfeld so wenig Stress wie möglich ausgesetzt. „Bis zum Schluss war alles, was wir getan haben identisch zu einem Transport!“ Für die Erschießung habe man sich aus tierschutzfachlichen Erwägungen entschieden. Es sei die „schnellste und unerwartetste Methode.“ Die ebenfalls zur Tötung freigegebenen anderen Paviane hörten die vorangegangenen Schüsse demnach nicht. Sie waren weit genug weg.

„Die Gliedmaßen haben wir abgenommen, weil Hände etwas sehr menschliches sind.“

In der freien Wildbahn ist der Löwe natürlicher Fressfeind von Pavianen. Nachdem Wissenschaftler entsprechende Proben entnommen und Untersuchungen abgeschlossen hatten, wurden die toten Paviane an ebenfalls im Zoo gehaltene Löwen verfüttert. Für Empörung unter einigen Zoobesuchern und in den Sozialen Medien sorgte hierbei maßgeblich der Zustand der Kadaver. Köpfe und Hände waren abgetrennt.

Die Frage, warum man die Paviane überhaupt zur Hauptbesuchszeit verfüttert habe, beantwortet Encke mit Transparenzgründen. „Wir wussten, was wir ankündigen müssen wir dann auch tun. Sichtbar tun.“ Man habe den Leuten zeigen wollen: „Die Paviane sind von uns getötet worden und sie werden von uns verfüttert, damit wir keine Tiere wegwerfen.“

Allerdings habe man die Besucher auch nicht überfordern wollen. Im Gegensatz zu anderen Tieren, die verfüttert werden, habe man die Köpfe abgetrennt und in die Gehirnforschung gegeben. Die Gliedmaßen habe man abgenommen, weil Hände etwas seien, „das sehr menschentypisch ist. Und das war einfach ein Balanceakt, der nicht bei allen Menschen gelingen kann. […] Wir hätten es nicht richtig machen können.“ Von den Leuten, die während der Fütterung vor Ort waren, habe man allerdings keine Klage gehört.

Dieser Artikel wurde am 7. August 2025 um 20:55 Uhr aktualisiert.