
Wer sich in den Tiefen bestimmter Online-Foren bewegt, stößt früher oder später auf den Begriff „Looksmaxxing“. Klingt zunächst nach einem weiteren harmlosen Lifestyle-Trend - ähnlich wie „Glow-Up“ oder „Self-Care“. Sieht man aber genauer hin, entpuppt sich der Begriff als teils toxisch-männliches Phänomen, das Teil einer ganzen Weltanschauung ist.
Der Begriff setzt sich aus „Looks“ (Aussehen) und „maxxing“ (Maximierung) zusammen. Gemeint ist die gezielte Optimierung des äußeren Erscheinungsbildes - und zwar nicht nur durch besonders intensive Hautpflege und den regelmäßigen Gang ins Fitnessstudio, sondern auch teilweise durch plastische Chirurgie. Ziel ist es, durch verschiedenste Maßnahmen den eigenen „Sexual Market Value“ (SMV) zu steigern, also den wahrgenommenen Wert auf dem „Partnermarkt“ - was genauso oberflächlich ist, wie es klingt.
Besonders in männlich dominierten Online-Subkulturen ist Looksmaxxing verbreitet, etwa in Foren wie Reddit, 4chan oder speziellen Discord-Gruppen, in denen das Aussehen nicht als Teil eines ganzheitlichen Selbstbildes verstanden wird, sondern als der entscheidende Faktor für sozialen Status und Erfolg bei Frauen.
Die schwarze Pille enthüllt die Wahrheit
Ein zentraler Begriff in diesen Communities ist die „Black Pill“. Inspiriert von der „Red Pill“-Metapher aus dem Film „Matrix“, in dem die Hauptfigur Neo erst nach dem Schlucken einer roten Pille die Wahrheit (sein bisheriges Leben war nur eine Simulation) erkennt, steht die Black Pill für die Annahme, dass Erfolg im Leben - und besonders der bei Frauen - ausschließlich von Faktoren wie Gesichtssymmetrie, Kieferstruktur oder Körpergröße abhängt. Persönlichkeit, Humor oder Intelligenz sind da völlig irrelevant.
Diese Sichtweise ist nicht nur fatalistisch, sondern auch gefährlich, denn sie fördert Selbsthass, Resignation und Misogynie. Viele, die sich der Black-Pill-Ideologie anschließen, sehen Looksmaxxing als letzte Möglichkeit, um der vermeintlich genetisch verursachten Benachteiligung etwas entgegenzusetzen.
Was Incels und Pickup-Artists damit zu tun haben
Looksmaxxing steht oft im Spannungsfeld zwischen zwei weiteren Phänomenen: den Incels und den Pickup-Artists.
Incels - ein Kofferwort aus „involuntary celibates“ - sind Männer, die keine Partnerin finden und unfreiwillig sexuell enthaltsam leben, wofür sie häufig Frauen oder die Gesellschaft verantwortlich machen. Incel-Foren sind Brutstätten der Black-Pill-Ideologie. Dort wird Looksmaxxing als notwendiger, aber oft aussichtsloser Versuch gesehen, aus der sozialen Isolation auszubrechen.
Pickup-Artists hingegen verfolgen einen anderen Ansatz: Sie glauben, dass man durch gezielte Techniken, beispielsweise Beleidigungskomplimente („Dein Kleid ist toll, aber wenn Du noch ein bisschen abnehmen würdest, sähe es bestimmt noch besser aus!“), körperliche Annäherung oder Dominanz im Gespräch, Frauen erfolgreich verführen kann. Auch hier spielt Selbstoptimierung eine Rolle, allerdings mehr im Bereich Kommunikation, Status und Auftreten.
Der Unterschied: Während Incels Looksmaxxing oft als letzten Strohhalm betrachten, sehen Pickup-Artists es als Teil eines größeren „Games“. Beide Gruppen teilen jedoch die Vorstellung, dass romantischer Erfolg strategisch erarbeitet werden muss - und dass Frauen primär auf Status und Aussehen reagieren.
Was ist die 80:20-Theorie?
Eine Basis dieser Weltsicht, die sowohl in Looksmaxxing- als auch in Incel-Foren gerne bemüht wird, ist die sogenannte 80:20-Regel. Diese besagt, dass sich angeblich 80 Prozent aller Frauen zu den attraktivsten 20 Prozent aller Männer hingezogen fühlen, wodurch eine enorme Ungleichverteilung entsteht und besonders die vermeintlich wenig attraktiven Männer dazu verdammt sind, alleine zu bleiben. Diese Theorie dient oft als Erklärung für Frust und als Motivation zur Selbstoptimierung - oder auch einfach als Beweis für die angebliche Oberflächlichkeit von Frauen bei der Partnerwahl.
Tatsächlich basiert diese Annahme meist auf Daten von Dating-Apps wie Tinder, wo Frauen selektiver swipen als Männer. Doch daraus zu schließen, dass 80 % der Frauen nur mit 20 % der Männer Beziehungen eingehen, ist eine stark vereinfachte und verzerrte Interpretation.
Nicht automatisch toxisch
Looksmaxxing ist nicht automatisch toxisch. Sich um sein Äußeres zu kümmern, Sport zu treiben oder sich typgerecht zu kleiden, kann das Selbstbewusstsein stärken und das Wohlbefinden verbessern. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Maßnahmen mit rigiden Weltbildern wie den bereits genannten verknüpft sind.
Hinzu kommt: Viele Looksmaxxing-Tipps in einschlägigen Foren sind pseudowissenschaftlich oder schlicht gefährlich. Von fragwürdigen Nahrungsergänzungsmitteln über riskante DIY-Schönheitsbehandlungen bis hin zu obsessivem „Mewing“ (eine Technik, die angeblich durch gezielte Zungenhaltung die Kieferpartie definierter erscheinen lässt). Die Grenze zur Körperbildstörung ist dabei oft fließend.
Was bei der (teils fast schon wahnhaften) Selbstoptimierung komplett unter den Tisch fällt: Wenn es um langfristige Partnerschaften geht, spielen Faktoren wie Humor, Intelligenz, Freundlichkeit, Selbstbewusstsein oder emotionale Reife für viele Frauen mindestens eine ebenso große Rolle wie das Aussehen. Schwarze Pille hin oder her.