
Vom 24. bis zum 26. Juli 2025 steht zum nunmehr 30. Mal das Rock im Wald Festival an. Jedem der sich musikalisch im Bereich Stoner, sowie Punk und Doom bewegt, dem dürfte das Rock im Wald Festival inzwischen ein Begriff sein, auch über Franken hinaus. Wie in 30 Jahren aus einer Gartenparty beinahe versehentlich, ein regelmäßig ausverkauftes, etabliertes Szene-Treffen für Fans von harten Riffs und psychedelischen Klängen wurde und wie es den Veranstaltern gelungen ist, trotz Expansion in Sachen Bands und Besucher den familiären und fränkisch-bodenständigen Charme zu erhalten - das hat uns die Rock im Wald Crew persönlich verraten.
Rund 100 Besucher kamen am 22. Juli 1995 nach Neuensee bei Michelau im oberfränkischen Landkreis Lichtenfels zusammen, um im Obstgarten beim Sportplatz ordentlich zu feiern. Anlass war ein 30. Geburtstag. Für die Unterhaltung sorgten vier wilde Bands aus der Region, mit klangvollen Namen wie Nice Boys Against Silicon Tits oder SpVGG Shit Fuck Death Blood. Diese sind dem gemeinen Rockfan heute vielleicht kein Begriff mehr - doch mit Schindlerhannes fand sich schon auf dem ersten Rock im Wald Line-up ein Künstlername, der auch heute noch einige Treffer bei der Google-Suche ausspuckt. Ein frühes Omen für eine Festival-Erfolgsgeschichte made in Oberfranken? Im Jahr 2025, in welchem das Festival nun selbst seinen 30. Geburtstag feiert (ein klassischer Full-Circle- Moment), geben sich in der Szene international gefeierte Bands wie Melvins, The Baboon Show, Colour Haze oder Slomosa die Ehre. Insgesamt umfasst das Jubiläums-Line-up 23 Bands und das Rock im Wald freut sich rund 2000 Gäste.
Das Rock im Wald ist „organisch gewachsen“
Geplant war das alles nicht von Anfang an, erzählen Florian Hafermann-Josephus und Alexander Hartmann im Interview mit nordbayern.de. Beide sind schon einige Jahre im Veranstaltungs- und Organisationsteam und Florian war sogar während der Geburtsstunde auf besagter Gartenparty vor 30 Jahren als Gast dabei. Alles sei seither „organisch gewachsen“ - beschreiben sie den Werdegang des Festivals. „Organisch gewachsen“ - ein Stichwort, der im Laufe unseres Gesprächs öfter fallen wird.
Wann hat sich zum ersten Mal das Gefühl breit gemacht, dass man hier gerade ein großes, überregional bekanntes Festival organisiert?
„Spätestens mit Gründung einer GbR im Jahr 2012 hat das ganze einen offiziellen Charakter bekommen“, erinnert sich Alexander. Beide sind sich jedoch einig, dass auch dieses Gefühl „organisch gewachsen“ sei - wie so vieles andere beim Rock im Wald auch. Angefangen vom ersten Aufstellen des hölzernen Eingangsschilds, über die Verlängerung von zunächst ein auf zwei und seit dem vergangenen Jahr sogar auf drei Festivaltage. Verstärkt wurde das Gefühl natürlich auch durch immer renommiertere Bands auf dem Line-up: Alexander sind Volbeat ganz besonders in Erinnerung geblieben, die 2007 das Line-up und auch das Feeling aufs nächste Level gehoben haben. Auch immer mehr Besucher aus anderen Teilen Deutschlands fanden ihren Weg nach Neuensee: „Spätestens ab 2012 oder 2013 hat man nicht mehr jedes Gesicht gekannt“ erinnert sich Flo.
Die familiäre Atmosphäre soll erhalten bleiben
Viele Besucher schätzen die Größe des Festivals, insbesondere in Relation zur Fläche, die den Festivalbesuchern zur Verfügung steht. Diese bietet ausreichend Platz zum Verschnaufen, Sitzen, Liegen oder für einen Plausch mit Freunden, wenn man sich gerade mal nicht in der feiernden Menschenmenge vor der Bühne aufhalten möchte.
Gibt es Pläne, das Rock im Wald (organisch) weiterwachsen zu lassen?
Tatsächlich habe es diese Überlegungen gegeben, verraten mir Florian und Alexander. Das Festivalgelände - also der Sportplatz in Neuensee - sei natürlich einer der limitierenden Faktoren, aber natürlich müsste im Falle von mehr Gästen auch die Infrastruktur wachsen, Campingflächen, Toiletten, Duschen. All das wäre auf dem Gelände ohne weiteres nicht möglich. Zudem habe man sich in den letzten Jahren umgehört, was die Festivalbesucher von einer neuen Location, mehr Besuchern und womöglich auch größerem Billing halten würden. Das Feedback sei eindeutig gewesen: „Wir wollen den familiären Charakter beibehalten“. Und das nimmt man sich zu Herzen. Vergrößert wurde sich im letzten Jahr also nur in Form von einem weiteren Festivaltag und einem vom Rock im Wald organisierten Weihnachtskonzert in einer anderen Location.
Der familiäre Charakter des Rock im Wald ist nämlich kein Eindruck, sondern Tatsache: Offiziell kümmert sich ein Kernteam von acht Personen um das Event, mit allem, was dazu gehört: Planung, Organisation, Finanzielles, Marketing. Das Team, das dafür sorgt, dass das Festivalwochenende reibungslos über die Bühne gehen kann, umfasst inzwischen mehr als 300 Leute - ein, da ist das Stichwort wieder, „organisch gewachsener“ Helferkreis bestehend aus Bekannten, Familienmitgliedern, Freunden oder Vereinen aus Oberfranken. „Jeder übernimmt das, was ihm oder ihr am besten liegt“, erklärt Alexander. Die Anzahl an freiwilligen und auch neuen Helfern sei inzwischen so groß, dass man Maßnahmen ergreifen musste, witzelt Florian: „Letztes Jahr haben wir uns Gaffatape mit unseren Namen um die Knöchel geklebt, damit man überhaupt noch wusste, wer hier gerade beim Aufbau hilft“.
Anwohnern feiern mit - Besucher nehmen Rücksicht: „Ein absolutes Miteinander“
Menschen, die sich freiwillig am Rock im Wald beteiligen, gibt es also genügend - doch was ist mit denen, die unfreiwillig am Festival beteiligt sind, zum Beispiel die Anwohner in dem 800-Seelen-Ort Neuensee oder der Gemeinde Michelau? Gibts von den Nachbarn auch mal Beschwerden oder Gegenwind?
Zugegeben, sagt Florian: „Das Ganze hat eine Entwicklung genommen, auch abhängig von den Bands: In den ersten Jahren gab es mehr Chaos auf der Bühne und damit auch mehr Chaos im Publikum“, erklärt er grinsend. Gut vorstellbar, angesichts der eingangs erwähnten Bands.
Da fanden es manche Anwohner „nicht so klasse“. Doch ohne die Anwohner gehe es nicht, weshalb man darauf achte, dass die Nachbarn wenig beeinträchtigt sind. Inzwischen habe sich „der Schwerpunkt der Bands vom Genre her verändert. Das Publikum ist deutlich friedlicher“.
Stoner-Rock - der Begriff kommt schließlich nicht von ungefähr, ist im Gegensatz zu Punk oder Heavy Metal meist deutlich langsamer im Tempo und musikalisch - trotz harter Gitarrenriffs - einen Hauch entspannter und harmonischer, so sind es auch in vielen Fällen die Fans.
Ein offener direkter Kontakt zwischen Besuchern und Anwohnern habe dazu geführt, dass Anwohner und Gemeinde das Festival befürworten. „Michelau und auch Neuensee haben durch Rock im Wald an Ansehen gewonnen. Es herrscht ein absolutes Miteinader“, erklärt Alexander.
Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Neuenseer in das Geschehen eingebunden werden: Jeder Anwohner hat freien Eintritt, sogar der örtliche Kindergarten schaut vorbei. Ein Anblick, der bei vielen Festivalgästen jährlich für Schmunzeln sorgt: Eine Gruppe kleine Kinder marschiert, ausgestattet mit Ohrenschützern und in Zweierreihen staunend über das Festivalgelände. Eine kleine Tradition, wie mir die beiden erklären: Die Kindergartenkinder, die nach den Ferien eingeschult werden, übernachten zum Abschied in der Kita - inklusive Nachtwanderung zum Rock im Wald Festival.
Das gute Miteinander funktioniert aber eben auch nur, dank rücksichtsvoller Rock im Wald Besucher. Alexander und Florian loben ihre Gäste dafür in den höchsten Tönen: So erinnert sich Florian zurück an den Tag nach dem Rock im Wald 2019, als er sich wunderte, wer aus der Crew den Campingplatz so schnell aufgeräumt habe. Es stellte sich heraus, er wurde nahezu sauber hinterlassen.
Auch auf den Fußballrasen des Neuenseer Sportplatzes, der einen Großteil des gesamten Geländes ausmacht, wird seitens der Besucherinnen und Besucher acht gegeben. „Einmal hat es geregnet und jemand hat sich die Schuhe ausgezogen, bevor er auf den Rasen gegangen ist“ erinnert sich Florian lachend.
Von ausverkauften Dixis, Dauerregen und verloren gegangenen Bands
Neben all den schönen Erinnerungen, was waren denn die für euch persönlich schwierigsten Momente in den letzten 30 Jahren als Festivalveranstalter?
Alex fallen sofort zwei Ausnahmesituationen ein: „Es gab ein Jahr mit Extremregen - das muss 2018 gewesen sein, alle Hackschnitzel im Landkreis waren ausverkauft – man steckt so viel Energie rein, das ist dann einfach nur noch kräftezehrend. Und dann war da noch vor einigen Jahren der Baubranchen-Boom, damals kurz vor Festivalbeginn waren Dixis ausverkauft beziehungsweise sehr teuer“.
Auch die Corona-Zeit und dessen Nachwehen sei, wie für die meisten Veranstalter, eine sehr herausfordernde Zeit gewesen, ergänzt Florian. „Wir haben uns immer gegenseitig aus dem Sumpf geholt und uns trotzdem getroffen, auch wenn kein Festival stattgefunden“, erinnert er sich.
Manchmal sorgen schwierige Situationen allerdings auch für, rückblickend betrachtet, gute Anekdoten: So berichten mir die beiden vom Jahr 2009, in welchem sich die schwedische Band Backyard Babies ankündigte. Die Zeit vor ihrem Auftritt nutzten sie für eine Sightseeing-Tour durch die Region - und kamen nicht zurück. Nach längerer Suche fand die Rock im Wald Crew sie betrunken am Baggersee. „Sie haben trotzdem eine gute Show gespielt“, erinnert sich Florian.
Ein Geburtstag wäre ja kein Geburtstag ohne einen Wunsch: Welche Band würdet ihr gerne mal auf dem Rock im Wald spielen sehen?
„Das ist jetzt vielleicht ein Hirngespinst, aber manchmal spielen ja große Bands Secret Gigs auf kleineren Bühnen. So ein Secret Gig von den Queens Of The Stone Age bei Rock im Wald, wär schon was“, träumt Florian. Alexander ergänzt nach kurzem Nachdenken „Clutch wäre ein Wunschkandidat, haben wir schon angefragt, aber hat in den vergangenen Jahren leider nie geklappt“.
Dass sich im Team Leute finden, die das Festival auch die kommenden 30 Jahre organisieren werden, daran zweifeln Florian und Alexander nicht. Jetzt freuen sich die beiden aber erstmal auf das kommende Wochenende: „Wir wünschen uns das beste Fest aller Zeiten, allen voran den Besuchern, einfach Spaß haben und Rock ’n’ Roll und eine kleine Utopie leben! Die Probleme dieser Welt für ein Wochenende vergessen“




