Nürnberg - TikTok, Instagram & Co. sind nicht nur Geburtsstätten von Trends, sondern auch von absurden Verschwörungsmythen. Aktuell im Visier: Sonnencreme. Warum sie plötzlich als „Gift“ gilt - und was wirklich dran ist.

Wenn die Sonne vom Himmel brennt und man sich länger draußen aufhalten möchte, führt an Sonnencreme kein Weg vorbei - eigentlich. Auf Social Media allerdings kursieren seit vergangenem Sommer wilde Behauptungen: Sonnencreme sei giftig, mache krank oder verhindere gar die „natürliche Energieaufnahme“ durch die Sonne.

Die meisten dieser Theorien haben ihren Ursprung auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder in einschlägigen Telegram-Kanälen. Dort verbreiten Influencer mit pseudowissenschaftlichem Vokabular und dramatischer Musik ihre Botschaften - oft garniert mit vermeintlich „geheimen“ Studien oder persönlichen Anekdoten.

Die jüngste Welle dieser Mythen begann Ende Juni 2024. Auslöser war damals ein viraler Beitrag auf X (ehemals Twitter), in dem eine manipulierte Grafik des „Connecticut Tumor Registry“ suggerierte, dass Hautkrebsraten mit dem vermehrten Gebrauch von Sonnencreme gestiegen seien. Zwar wurde die Grafik später als Fälschung entlarvt, doch wie so oft wurde sie so schnell und häufig geteilt, dass die Richtigstellung quasi wirkungslos verpuffte. Parallel dazu verbreiteten sich besonders auf TikTok Videos, die vor vermeintlich gefährlichen Inhaltsstoffen der Cremes warnten.

Die Mär von den giftigen Inhaltsstoffen

Ein Jahr später hat die Desinformationskampagne nun richtig Fahrt aufgenommen. So behauptet derzeit beispielsweise ein besonders populäres Video auf TikTok, dass Sonnencreme „mehr Krebs verursacht als sie verhindert“. Die Begründung dieser Aussage: Chemische UV-Filter wie Oxybenzon oder Octinoxat würden über die Haut in den Blutkreislauf gelangen und dort „toxisch“ wirken. Dabei verschwiegen wird allerdings, dass die Mengen, die tatsächlich aufgenommen werden, extrem gering und laut der US-amerikanischen FDA sowie der Europäischen Kommission bei normaler Anwendung nicht gesundheitsgefährdend sind.

Die Inhaltsstoffe sind allerdings nicht der einzige Punkt, an dem Verschwörungsmythen ansetzen. In einem besonders weit verbreiteten Reel behauptet ein selbsternannter „Biohacker“, dass Sonnencreme „die Hautporen verstopft“ und dadurch „die körpereigene Vitamin-D-Produktion sabotiert“. Zwar stimmt es, dass UVB-Strahlung für die körpereigene Vitamin-D-Synthese notwendig ist, doch Dermatologen betonen, dass ein paar Minuten Sonne täglich völlig ausreichen, um den Bedarf zu decken.

Karottensaft und Sonnengewöhnung statt LSF 50?

Was - wie so oft in solchen Fällen - nicht fehlen darf, sind die Verweise auf vermeintlich „natürliche“ Alternativen. Auf Social Media kursieren daher Tipps wie „Arganöl statt Sonnencreme“ oder „Karottensaft trinken für inneren Sonnenschutz“. Tatsächlich enthält Karottensaft Beta-Carotin, das die Haut leicht lichtunempfindlicher machen kann - der Effekt ist aber dermaßen gering, dass der Saft keinesfalls ausreicht, um Sonnencreme oder vergleichbare Schutzprodukte zu ersetzen.

Ein besonders esoterischer Trend nennt sich „Sonnengewöhnung“ und besagt, dass Menschen, die sich langsam an die Sonne gewöhnen, sich irgendwann ganz ohne Schutz darin aufhalten können. Und nicht nur das: Manche gehen sogar so weit, die Sonne als „spirituelle Energiequelle“ zu verehren, die durch Sonnencreme blockiert werde. Hierbei handelt es sich um Praktiken, die nicht nur wissenschaftlich unbelegt sind, sondern sogar potenziell gefährlich, denn UV-Schäden summieren sich über Jahre und erhöhen das Risiko für Hautkrebs im fortschreitenden Alter erheblich.

Die Vorstellung, dass Sonnencreme „pures Gift“ sei, ist übrigens keineswegs neu. Bereits in den späten 1990er-Jahren tauchten im Kontext von Umweltdebatten und hormonell wirksamen Substanzen erste kritische Stimmen zu chemischen UV-Filtern auf. In den 2000ern griffen dann erste Blogs und alternative Gesundheitsseiten das Thema auf, bis sich diese Ablehnung durch die sozialen Medien nun potenziert, radikalisiert und professionalisiert hat.

Was sagt die Wissenschaft?

Internationale Fachgesellschaften wie die American Academy of Dermatology, die Deutsche Krebshilfe oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind sich einig: Sonnencreme ist ein zentraler Bestandteil des Hautkrebsschutzes. Besonders chemische Filter wurden in den letzten Jahren intensiv untersucht - mit dem Ergebnis, dass sie bei sachgemäßer Anwendung sicher sind.

Auch sogenannte „mineralische Filter“ wie Zinkoxid oder Titandioxid, die oft als „natürliche“ Alternative beworben werden, sind nicht per se besser - sie haben lediglich eine andere Wirkweise und können bei empfindlicher Haut verträglicher sein. Entscheidend sind unterm Strich: Ein ausreichender Lichtschutzfaktor (mindestens LSF 30), regelmäßiges Nachcremen und die richtige Menge.