
Wenn Nürnberg poppt, können Kondome nicht schaden. Wenn Nürnberg "popt", auch nicht. Als Begrüßungsgeschenk beim Festival Nürnberg.Pop gab es für jeden Gast ein Verhüterchen ("Zum Verkehr geeignet"). Schwarz wie die Kult-Cola des Sponsors, schwarz wie die kühle Oktobernacht des Festivalsamstags, schwarz – wie die Zeiten?
Nicht alles lässt sich verhüten und gegen Corona hilft kein Gummi. Dass die Veranstalter des heuer abgespeckten Treibens in der Nürnberger Altstadt trotz allem auf ihr "Baby" setzten, war als mutmachendes Zeichen zu deuten. An die Szene, an die Bands, an die Clubs.
Wie sehr die Künstler nach Auftritten hungerten, machten viele in ihren Ansagen deutlich. Besser vor wenigen Leuten spielen als gar nicht! Besser die Flucht nach vorn als die Emigration in den Proberaum.
Gebeutelte Musiklandschaft
Dass die Pandemie die Musiklandschaft stärker gebeutelt hat als jede Windhose im Herbst, wurde bei den Podiumsdiskussionen deutlich. Sowohl der Pop-"Kongress" als auch die Gigs wurden – technisch zuweilen holprig – im Livestream übertragen.
In Liebhaberschuppen wie dem Apollo-Kino, in Clubs wie dem "Hinz x Kunz" oder dem "Korn’s" und in der Katharinenruine standen Bühnen. Maximal 40, 50 Zuhörer an den Spielorten – mehr war aus Gründen des An- und Abstands leider nicht drin.
Wobei in dieser neuen Intimität Reize stecken. Wohnzimmerwarme Gastspiele wie die des akustisch starken Kammerpop-Duos Green Apple Sea – als dienstälteste Paarung im Live-Programm – waren zu erleben. Oder die wunderbaren Würzburger Folkies Hannah & Falco, heuer die Nesthäkchen. Mit dem Indie-Rock von Telquist oder Elektrofreuden bei Umme Block gab es stilistisch manchen Spannungsbogen.
Immerhin hat die Region diese Freaks. Was oft erst schmerzlich deutlich wird, wenn ihre Auftritte über Monate hinweg fehlen. Weiß man das in der Stadt zu schätzen?
Das war ein roter Faden zu den wunden Punkten des Szenealltags, zu dem zum Beispiel die Diskussion "Nürnberg und das Nachtleben – (k)eine Liebesbeziehung?" führte. Und tatsächlich: Was vor der Pandemie manchem eher wie Liebe auf den letzten Blick vorgekommen war, schweißt inzwischen zusammen. Ob Clubbetreiber Evangelos Koliousis (Hinz x Kunz) oder Wirt Stephan Schulz (Mata Hari Bar), ob Brückenfestival-Macher Ernesto Buhholzer oder die queere Aktivistin Uschi Unsinn, ob Reinhard Lamprecht vom Magazin "Curt" (selbst auf dem Podium nicht ohne seinen Hund) oder Kulturoasen-Aktivist Johannes Weichelt: Offenbar stoßen viele von ihnen neuerdings im Rathaus und bei der Verwaltung auf frisch gewaschene, offene Ohren. Eigeninitiative gegenüber den Verantwortlichen vorausgesetzt, so Uschi Unsinn: "Die kommen nicht auf einen zu."
"Von Liebe weit entfernt"
Nach wie vor würden aber die Regularien der Grundsicherung existenzielle Problem bei Betreibern aufwerfen – für Wirte etwa, die etwaige Gewinne sofort zurückzahlen müssen. Was auf ein Nullsummenspiel bei hohem Aufwand hinausläuft.
Nürnberg und sein Nachtleben sei zwar "von Liebe weit entfernt", wie Stephan Schulz es ausdrückte. Doch immerhin: "Man hat sich in die Augen gesehen". Bei Nürnberg.Pop loderten die lokale Leidenschaften schon heftiger. Kondome hin oder her: Das Festival war 2020 ein Wunschkind in turbulenten Tagen.



